[Externer Link] Webseite - Autonome Provinz Bozen - Südtirol

Gemeinsame Werte und Ziele in der Erziehung

Tipps für die Partnerschaft und Elternschaft aus dem 5. Elternbrief 24-36 Monate: Zusammenhänge erkennen, Selbstbewusstsein entwickeln

Gemeinsame Erziehungsziele finden ... Welche Ziele Eltern durch ihre Erziehung anstreben, wird in den meisten Fällen nicht von einem Elternteil alleine entschieden. Es wird Müttern und Vätern empfohlen, sich über ihre Werte und grundsätzlichen Erziehungsziele gemeinsam Gedanken zu machen.

Das ist manchmal nicht ganz einfach, da jeder Mensch unterschiedliche Erfahrungen aus der eigenen Familie mitbringt und für jede/n etwas anderes wichtig ist. Aber es kann dazu beitragen, mehr Sicherheit in der Erziehung zu gewinnen und gelassener zu reagieren. Wichtig ist dabei, das Temperament, die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes/der Kinder zu berücksichtigen.

Auch bei allein erziehenden Müttern und Vätern werden Erziehungsziele und die Art und Weise, wie sie erreicht werden sollen, ausgehandelt, wenn nicht mit dem Partner oder der Partnerin, dann vielleicht mit Verwandten oder gelegentlich mit FreundInnen, die sich an der Erziehung der Kinder beteiligen oder dazu eine Meinung haben.

Ein Gespräch über folgende Fragen kann hilfreich sein:

  • Welche Werte und Erziehungsziele habe ich?
  • Wie bin ich selbst erzogen worden?
  • Was möchte ich davon meinen Kindern weitergeben und was nicht? Warum?
  • Welche Werte und Erziehungsziele hat mein/e Partner/in?
  • Wo stimmen wir überein? Wo nicht?
  • Kompromisse

Werte und Erziehungsziele 

Anschließend kann man sich auf die fünf wichtigsten Werte und Erziehungsziele für die eigene Familie festlegen, von denen beide Elternteile überzeugt sind.

Diese Werte und Ziele in das Zusammenleben und die Erziehung einfließen zu lassen, ist der nächste Schritt:

Hat sich ein Paar vorgenommen, seine Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, dann wird es dem Kind zum Beispiel immer wieder die Möglichkeit geben, seine Umgebung zu erkunden. Wenn wirklich einmal was schief geht, werden Sie es mit wertschätzenden, liebevollen und tröstenden Sätzen unterstützen: „Das kann ja jedem einmal passieren.“ „Schade um das schöne Glas, na ja, macht nichts.“ „Das ist nicht so schlimm.“ Nicht: „Bist du ungeschickt!“, „Typisch, dass dir das passiert.“

Für ein anderes Elternpaar ist es vielleicht von großer Bedeutung, dass das Kind lernt, Beziehungen und Freundschaften zu pflegen. Dann ist es günstig, wenn das Kind bei seiner Mutter und seinem Vater miterlebt, wie diese ihre Freundschaften und Beziehungen leben.

Werte vermitteln wir vor allem durch unsere Haltung und unsere Handlungen, meist noch stärker als durch das, was wir sagen.

Und die Eltern werden dafür sorgen, dass das Kind häufig mit anderen Kindern spielen kann, in einer Umgebung, in der Zusammenarbeit, Sensibilität und Verantwortung für andere gefördert werden.

Ein anderes Paar findet es vielleicht wichtig, dass das Kind später den Mut haben wird, zu sagen, was es sich denkt, seine Meinung zu vertreten. Dann werden sie ihrem Kind aufmerksam zuhören, es darin bestärken, wenn es etwas sagt. Vielleicht werden sie ihm lernen, auch kritischere Dinge auf angemessene Art und Weise auszudrücken.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Jede Person bringt ihre eigene Lebenserfahrung, ihre Persönlichkeit, ihre Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen in das Arbeitsleben sowie in eine Beziehung mit. Eine vollständige Übereinstimmung der Meinungen, Wünsche und Absichten gibt es nicht. Deshalb muss immer wieder ein gemeinsamer Weg gefunden werden, mit unterschiedlichen Bedürfnissen umzugehen – sonst wäre es ja auch langweilig, oder?

Es gibt hundert Dinge im täglichen Zusammenleben, die Mühe machen können: 

  • Sie sind die Ordnung in Person, Ihr Partner lässt regelmäßig alles herumstehen und -liegen, wo es eben gerade nicht hingehört? Sie sind frühmorgens munter und sehr mitteilungsbedürftig, Ihre Partnerin wird erst gegen Mittag so richtig wach?
  • Sie verbringen die Sonntage am liebsten faul zu Hause – und Ihr Partner findet das Leben nur lebenswert, wenn er jedes Wochenende eine Schi- oder Radtour machen kann?
  • Auch die Geburt und Erziehung eines Kindes kann Ursache von Konflikten in der Beziehung sein – so sehr Sie sich beide sicher an ihm freuen und ein Leben ohne das Kind nicht mehr denkbar wäre.
  • Ein weiterer Grund für Auseinandersetzungen ist häufig das Geld: Es macht zwar alleine auch nicht glücklich – ist aber doch wichtig, besonders, wenn am Monatsende immer zu wenig da ist. Wenn Sie vor der Geburt des Kindes zwei Gehälter zur Verfügung hatten und nun zu dritt oder zu viert mit nur einem Lohn oder eineinhalb Löhnen auskommen müssen, zwingt das schon zu mancherlei Einschränkung.
  • Konflikte können auch entstehen, wenn jene Person, die den Großteil der Erziehungs- und Hausarbeit übernommen hat, sich isoliert fühlt. Wenn ihm/ihr Hausarbeit und Kinderbetreuung manchmal zu viel werden, wenn sie findet, ihr Partner/ihre Partnerin könnte sie dabei mehr entlasten, moralisch unterstützen oder wertschätzen. 
  • Genauso kann es sein, wenn eine Person das Gefühl hat, keine besonders wichtige Rolle in der Familie zu spielen oder sich Sorgen um das Familieneinkommen macht.

Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen gehören naturgemäß zum Zusammenleben.

Es gibt keine Paare, die überhaupt keine Konflikte haben

Meinungsverschiedenheiten um jeden Preis zu vermeiden, ist nicht ratsam: Ärger und Wut, die um des lieben Friedens willen hinuntergeschluckt werden, verschwinden nicht. Beide PartnerInnen müssen für sich selbst herausfinden, wie sie mit Dingen umgehen, die ihnen nicht gefallen:

Ist es für Sie besser, dem/der anderen schon bei Kleinigkeiten zu sagen, was Ihnen nicht passt? 

Passiert es Ihnen sonst, dass Sie einen ganzen Berg von Verstimmung anwachsen lassen, der dann plötzlich explodiert? 

Oder machen Ihnen manche Dinge wirklich nichts aus, und Sie kommen gut damit zurecht, nur das anzusprechen, was Sie wirklich sehr ärgert? 

Häufig haben die PartnerInnen wenig Ahnung davon, was die/den andere/n stört und stehen bei einer Kritik da und wundern sich.

Wir dürfen von anderen nicht erwarten, dass sie unsere geheimen Gedanken und Gefühle lesen und spüren können – auch wenn wir noch so miteinander verbunden sind. Konflikte, die offen ausgetragen werden, geben Anstoß zum Überdenken von Gewohnheiten und eigenem Verhalten und zu neuen Entscheidungen. Konflikte und Liebe – das ist kein Widerspruch, im Gegenteil, das gehört zusammen.

Infos & Anregungen für Paare

  • Ihr Partner/Ihre Partnerin ist anders als Sie. Oft glauben wir, dass wir ganz genau wissen, was sie/er meint, will, kann. In Wirklichkeit kann Ihr Partner/Ihre Partnerin das ganz anders sehen.
  • Der Zeitpunkt für ein klärendes Gespräch ist wichtig: Hat der Ärger einen oder beide Partner bereits überflutet, ist faires Streiten häufig unmöglich. Hier kann es helfen, sich vorerst für mehrere Stunden aus dem Konflikt herauszunehmen, damit die Stresshormone im Körper abgebaut werden können.
  • Konfliktlösungen müssen wirklich erarbeitet werden, alle Beteiligten benötigen dafür Zeit und Energie.
  • Auch in Konfliktsituationen sollten Vorwürfe und beleidigende Bemerkungen möglichst vermieden werden – sie können viel Vertrauen zerstören.
  • Sprechen Sie möglichst klar von sich: Davon, was das Verhalten Ihres Partners/Ihrer Partnerin in Ihnen auslöst.
  • In einem Gespräch über eine Konfliktsituation sollte zunächst jede/r in aller Ruhe seine Sicht der Dinge äußern können. Dann können beide PartnerInnen gleichermaßen Ideen zur Lösung des Problems zusammentragen und im gemeinsamen Gespräch und durch Abwägen der Vorschläge eine entsprechende Lösung erarbeiten. Wichtig ist dabei, dass beiden PartnerInnen und ihren Ideen gleichermaßen Raum gegeben wird. Beide sollten sich in der Lösung des Problems oder im Kompromiss wiederfinden. Es darf sich keine/r von beiden "über den Tisch gezogen" fühlen, weil sich wieder einmal die- oder derjenige mit der größeren sprachlichen Gewandtheit durchgesetzt bzw. ihn/sie im wahrsten Sinne des Wortes überredet hat.
  • Wenn eine Lösung gefunden wurde, sollte der Konflikt wirklich abgeschlossen und nicht bei anderen Gelegenheiten wieder aus der Schublade gezogen werden. Getroffene Vereinbarungen sollten eingehalten werden.
  • Konflikte zwischen den PartnerInnen sollten auch zwischen diesen ausgetragen werden, nicht über das Kind oder die Kinder.
  • Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Beziehung trotz beidseitiger Bemühungen über längere Zeit nicht befriedigender wird, kann es hilfreich sein, Außenstehende um Beratung und Unterstützung zu bitten. Das können Vertrauenspersonen oder Fachleute sein.

Faires Streiten

Viele Auseinandersetzungen lassen sich lösen, wenn es den PartnerInnen gelingt, nicht auf die Lösung eines Problems zu schauen, sondern auf die Bedürfnisse, die dahinter liegen.

Wenn geklärt ist, worum es beiden geht, verwandelt sich ein Streit viel leichter in eine gemeinsame Suche nach einer Lösung, die beide zufrieden stellt. Sehr häufig sind die Bedürfnisse, die hinter den Positionen liegen, miteinander vereinbar.

Ein Beispiel: Ein Paar streitet um eine Orange. Beide sehen die Lösung darin, die Orange für sich zu bekommen. Fragt man die beiden allerdings, was ihr Bedürfnis ist, warum sie die Orange haben wollen, stellt sich vielleicht heraus, dass die eine Person den Saft auspressen möchte und die andere die Schale braucht, um einen Kuchen zu würzen.

Ein weiteres Beispiel: Bei einem Paar kommt es häufig vor, dass die Frau kurz bevor Besuch zum Essen kommt, den Mann bittet, das Geschirr abzuspülen. Er tut das nicht, sondern liest weiter Zeitung. Als sie darüber sprechen, welche Bedürfnisse jeweils dahinter stehen, wird klar: Ihr ist es wichtig, die Küche aufgeräumt zu haben, bevor der Besuch kommt. Ihm ist wichtig, nicht gedrängt zu werden. Nach der Aussprache über ihre Bedürfnisse kommen sie zu der gemeinsamen Lösung, dass er sich die Zeit selber einteilt, jedoch auf jeden Fall rechtzeitig vor dem Eintreffen des Besuches das Geschirr wäscht. Sie hingegen wird ihm vertrauen und ihn nicht mehr darauf hinweisen.

Dieses Vorgehen bringt zusätzlich Positives mit sich: Versteht man, aus welchem Bedürfnis heraus der Partner, die Partnerin seine/ihre Position vertritt, ändert dieses Verständnis manchmal die eigene Haltung. Es kann weniger wichtig werden, die eigene Position durchzusetzen. Häufig vermuten PartnerInnen Absichten, die gar nicht zutreffen. Im gerade erwähnten Beispiel fühlt sich der Mann von seiner Partnerin gegängelt, was aber nicht ihre Absicht ist. Er hat vielleicht seine ältere Schwester stets in der Rolle der Antreibenden erlebt und reagiert deshalb empfindlich auf die Aufforderungen seiner Partnerin. Erfährt er, worum es ihr in der Sache geht – um eine ordentliche Küche bei Besuch, nicht darum, dass er auf ihre Aufforderung hin gehorcht – fällt es ihm leichter, ihrer Aufforderung nachzukommen. Ebenso hatte sie bisher angenommen, dass er mindestens drei Hinweise bräuchte, um seine Aufgaben zu erledigen. Mit dem neuen Wissen kann das Paar sich Bedürfnisse mitteilen, bevor es zu Missverständnissen kommt: „Schatz, es wird langsam spät, und unsere Gäste werden gleich kommen. Mir ist es wichtig, dass die Küche ordentlich aussieht, wenn die Gäste kommen. Wenn du abspülst, kann ich das Essen fertig vorbereiten …“. Häufig lassen sich auf diese Weise sehr viel kreativere Vorschläge finden, und die Lösungssuche ist nicht mehr gegnerisch, sondern eine gemeinsame Aufgabe. So kann Streit Partner sogar einander näher bringen, denn sie lernen sich besser kennen.

Streiten vor dem Kind?

Meinungsverschiedenheiten, Auseinandersetzungen, Streit – das alles gehört zum Zusammenleben und soll vor dem Kind nicht verborgen und wegen des Kindes nicht unterdrückt werden. Kinder, die nie eine Auseinandersetzung ihrer Eltern mitbekommen, haben später meist ebenso große Angst vor Konflikten wie solche, deren Eltern ständige und große Probleme miteinander hatten. Gewiss sollten Sie in Gegenwart des Kindes gegenseitige, grobe Anschuldigungen vermeiden und sich, wenn möglich, nicht laut anschreien. Auch stundenlange Grundsatzdiskussionen vor dem Kind – womöglich noch über das Kind – sollten möglichst vermieden werden. Aber wenn Sie in Anwesenheit Ihres Kindes über Ihre unterschiedlichen Meinungen sprechen, und eine gemeinsame Lösung finden, lernt das Kind eine ganze Menge.

Zum Beispiel: Um sich lieb zu haben, muss man nicht immer einer Meinung sein. Papa denkt so und Mama denkt so. Konflikte lassen sich lösen, wenn man miteinander redet. Je größer es wird, desto eher können Sie ihm erklären, warum Sie sich streiten, was genau passiert. Und dass es keine Angst haben muss, auch wenn mal eine Tür unsanft zugeschlagen wird. Ganz wichtig: Wenn Sie sich einigen, wenn Sie sich wieder versöhnen, lassen Sie das Kind daran teilnehmen. So erfährt es, dass ein elterliches „Gewitter“ auch wieder vorüber geht; es lernt das Leben als etwas kennen, das sich ständig im Fluss befindet, wo gute und weniger gute Stunden einander abwechseln und nichts so bleibt, wie es gerade ist.

Wenn in einer Familie das Zusammenleben häufig durch Konflikte belastet ist und die Erwachsenen sich am Ende der Weisheit oder ihrer Kräfte angelangt sehen, kann es ratsam sein, Entlastung oder Hilfe durch Außenstehende in Anspruch zu nehmen. Das kann ein Gespräch mit guten FreundInnen sein, verständnisvollen Verwandten oder Unterstützung durch neutrale und unvoreingenommene Menschen in Beratungsstellen. Es gibt auch Kurse, in denen man lernen kann, mit Konflikten umzugehen, zum Beispiel in verschiedenen Bildungshäusern.